Die Zunftordnung weicht der Gewerbefreiheit

Mit den Jahrhunderten wurde es für die Zünfte zunehmend schwieriger, ihr Monopol zu verteidigen. Durch den technischen Fortschritt kamen neue, "zunftfreie" Berufe auf, wie etwa die Berufe rund um den Buchdruck wie Setzer, Drucker, Formschneider, Kupferstecher und andere. Noch viel bedrohlicher wurde die Lage, als mit der Aufklärung die Idee der freien Markt- und Wettbewerbswirtschaft Platz zu greifen begann. 1776 publizierte der schottische Moralphilosoph Adam Smith sein Werk "Wealth of Nations", die Bibel des modernen Kapitalismus, ein vehementes Plädoyer für eine deregulierte, keinen Zwängen und Monopolen unterworfene Wirtschaft, die im frischen Wind des Wettbewerbs grösstmöglichen Wohlstand für die Menschen verspricht. Diese Ideen waren reines Gift für die gemütliche, die Konkurrenz in Schranken haltende Zunftordnung. Der Zusammenbruch der Alten Eidgenossenschaft 1798 setzte die alte Zunftherrlichkeit ausser Kraft, die Zünfte mussten ihre politische Vormachtstellung für immer aufgeben, und damit stürzte auch die Mauer ein, hinter der sie jahrhundertlang ihr Gewerbemonopol verteidigt hatten.

 

Zwischen der Französischen Revolution und der Schaffung des Bundesstaates kämpften die Konservativen für die Zunftordnungen, aus Furcht vor Betriebszusammenbrüchen und Existenzvernichtungen im rauen Konkurrenzkampf. Sie kämpften mit dem Rücken zur Wand. Die Zukunft gehörte den Liberalen, die zunächst in einzelnen Kantonen und dann im ganzen Bundesstaat die Handels- und Gewerbefreiheit durchsetzten und damit die alte Zunftherrlichkeit zu Grabe trugen.

 

Aber die Zünfte überlebten, in Zürich und in anderen Städten, wenn auch nur noch als gesellige Organisationen. Die Nachfahren der einstigen zünftigen Handwerker, inzwischen meistens in ganz anderen Berufen tätig, blieben ihrer Zunft und damit ihrer Familientradition treu. Eingeweihte wissen, welche alten Zürcher Familien in welchen Zünften zu orten sind. Das Frühlingsfest des Sechseläutens, vorerst in ungebundener Form und noch auf dem Weg zu seiner heutigen Gestaltung, wurde zunehmend zur Selbstdarstellung der Zünfte aufgewertet. Wenn sich der Opfersinn der Zünfte früher darin zeigte, dass die Zünfte in Krisenzeiten ihren Zunftschatz der Stadt zur Verfügung stellten, bewährt sich dieser Opfersinn heute in der Hingabe, mit der Zünfte ihre architektonisch wertvollen Zunfthäuser mit grossem Aufwand pflegen und erhalten.