Vom Lehrling zum Meister

Ueberall in Europa hatten die Zünfte ganz ähnliche Aufgaben zu erfüllen.

1. Sie regelten die professionelle Ausbildung. Im Mittelalter entwickelte sich die bei uns heute noch bewährte Form, dass der Lehrling gleich den Ernstfall kennen lernt und in einem echten Betrieb, nicht in einer Lehrwerkstätte, ausgebildet wird. Die Zunft bestimmte die Bedingungen des Lehrvertrags und die Dauer der Ausbildung, die versammelten Meister beurteilten als Fachexperten das Gesellenstück am Ende der Lehrzeit und stellten den Gesellenbrief aus. Vor allem in späterer Zeit schrieben viele Zünfte den frischgebackenen Gesellen einige Wanderjahre vor. Nach ihrer Rückkehr mussten die Wandergesellen der Zunft ihr Wanderbuch vorlegen, in das die verschiedenen Meister ihre Arbeitszeugnisse geschrieben hatten. Wer schliesslich den Meisterbrief erlangen wollte, musste der Zunft ein überzeugendes Meisterstück präsentieren.

 

Heute fällt auf, dass die Zunftordnungen oft auch Dinge regelten, die für uns moderne Menschen strikt in den privaten Bereich gehören; etwa dass nur ehelich geborene Knaben als Lehrlinge aufgenommen werden durften oder dass ein junger Meister binnen eines Jahres nach Erlangen des Meisterbriefs verheiratet sein musste. Als allerdings im schwäbischen Rottweil ein junger Meister der Zimmerleute die Tochter des Henkers heiraten wollte, drohte ihm die Zunft mit der Entziehung des Meisterbriefs, weil sonst die Zunft "landauf und landab verschrieen" würde. Immer ging es um die Reputation des "ehrbaren Handwerks".